Meine Geschichte

Am 29. April 2014 begann ich meine große Reise um die Welt. Geplant war ein zweimonatiger Trip entlang der Ostküste Australiens und eine sechswöchige Erkundungstour durch Südostasien, insbesondere Bali. Ich buchte alle meine Flüge und zahlte viel Geld, um sicherzugehen, dass alles so klappt, wie ich es mir vorgenommen … Nun, das war die erste Lektion, die ich auf dieser Reise lernen musste: Plane nie zu weit im Voraus, denn das Leben ändert oft plötzlich seinen Lauf.
Die Idee zu dieser Reise war aus einer sehr schwierigen Lebenssituation heraus entstanden: Ich befand mich mitten in einer Trennung, die bereits 1,5 Jahre angedauert hatte. Wir konnten weder mit noch ohne einander. Keiner von uns konnte loslassen …
Die Beziehung selbst war ein weiterer fünfjähriger Kampf gewesen, um die Liebe, um die Freiheit, um die Anerkennung. Aber nach Jahren des Zusammenlebens mit einem Menschen mit großen persönlichen Problemen war ich so zerbrechlich, dass ich nach der Trennung in tausend kleine Stücke zerbrach. Mein Leben bestand aus Magersucht, Depressionen, Alkohol, Zigaretten, Partys und ….. Ich litt im Stillen und tat so, als wäre alles in bester Ordnung. Und niemand wusste, was in mir vorging.

Zu der Zeit studierte Physik. So versuchte ich mich auf das Studium zu konzentrieren und beendete meine Abschlussarbeit, die mich mit weiteren drei Monaten der Depressionen bescherte,, aber ich schaffte es irgendwie. Dann meldete mich für die Abschlussprüfungen an, in der Hoffnung, dass mich der Abschluss meines Studiums aus den Schwierigkeiten und der Traurigkeit herausbringen würde. Doch es klappte nicht …. Am 10. Februar 2014 hatte ich meine letzte mündliche Prüfung von den Abschlussprüfungen. Als ich den Raum betrat, konnte ich nicht sprechen. Ich bin ein sehr gesprächiger Mensch, aber an diesem Tag wollte kein Wort meinen Mund verlassen, so sehr ich es auch versuchte! Ich fiel durch …

Ich verstand nicht, was mit mir los war, ich war noch nie bei einer Prüfung durchgefallen, aber diese einfache Prüfung konnte ich nicht schaffen? Nach diesem Tag war ich trauriger als je zuvor, verfiel in eine noch tiefere Depression, trank immer mehr Alkohol, um den Schmerz zu lindern, und fragte mich, warum ich in meinen Beziehungen und im Studium versagte. Nichts schien für mich zu funktionieren.
Lange Rede, kurzer Sinn … Zwei Monate später bestand ich die Prüfung mit einem 1+. Doch beschloss ich, das Studium für ein Semester zu unterbrechen, anstatt gleich die Abschlussprüfungen zu machen. Ich hoffte, dass eine kurze Pause mir helfen würde, zu meiner Mitte zu finden.
Ich wusste, dass ich weg musste. Ich wusste, dass ich aus meinem alten Leben herauskommen musste, um einen klaren Kopf zu bekommen, und dass ich Englisch lernen musste. Also machte ich mich auf die Suche nach einem Ort, an dem ich mein Englisch verbessern konnte: „USA, Großbritannien, Malta“ ging mir durch den Kopf, als ein Bild in meiner Vision erschien. Es war das Bild des roten Felsens im Herzen von Australien: Uluru!

Ich hätte nie daran gedacht, nach Australien zu fliegen, aber die Botschaft war sehr deutlich. So rief ich meinen Vater an und erzählte ihm von meinem Vorhaben. Er sagte, ich sei verrückt, Down Under sei zu weit weg! Aber für mich spielte das keine Rolle. Nichts spielte mehr eine Rolle. Ich wusste, dass ich es machen werde, komme, was wolle.
Ich erinnere mich, wie ich am 29. April 2014 im Flugzeug saß und in mein Tagebuch schrieb: „[…] Ich habe Angst vor dem Unbekannten und schäme mich für mein Englisch. […] Aber ich weiß, dass der Glaube und die Liebe stärker sind als alles andere auf der Welt, und ich weiß, dass am Ende alles gut werden wird.“
Weder kannte ich jemanden in Australien und noch war ich je allein gereist, und mein Englisch …? Eine Katastrophe. Ich wusste, dass es nicht einfach werden würde. Aber das musste es auch nicht.
Als ich am Flughafen in Sydney ankam, wusste ich umgehend, dass ich ein Jahr bleiben würde. Die Leute sagten, das sei verrückt, ich solle zurückgehen und meine Prüfungen beenden. Aber auch das war mir gleich. Denn ich wusste, dass mir die Prüfungen nicht davonlaufen würden Aber die Chance auf ein einjähriges Visum für Australien hatte ich nur einmal, und die wollte ich mir nicht entgehen lassen.
So kaufte ich mir einen Bus und begann, kreuz und quer durch Down Under zu reisen, und ich liebte es. Das wurde zu der schönsten Zeit meines Lebens. Nach einer sechsmonatigen Reise kam ich in der kleinen unbekannten Stadt „Broome“ im Nordwesten Australiens an. Ich war auf dem Weg nach Perth und wollte nur zwei oder drei Tage in Broome verweilen, um den roten Schmutz des Outbacks im wunderschönen türkisfarbenen Ozean abzuwaschen …. Aber wieder einmal hatte das Leben etwas anderes mit mir vor und ich blieb in Broome hängen.

Ich brauchte einen Job. Es war Regenzeit und es gab nicht viele Arbeitsangebote in der kleinen Stadt. Mein Englisch war immer noch nicht gut genug, um mit Menschen zu arbeiten. Es war nicht einfach für mich, Arbeit zu finden. Nach wochenlanger erfolgloser Arbeitssuche beschloss ich, Broome zu verlassen, was mich sehr traurig machte: Ich hatte mich bereits in diese kleine Stadt verliebt. An dem Tag, an dem ich aufbrechen wollte, geschah ein Wunder: Jemand bot mir aus heiterem Himmel einen Job an. Als Pflegerin! Ich war noch nie eine Betreuerin gewesen und hatte keine Ahnung, was ich zu tun hatte. Aber ich sagte mir, dass ich es lernen und ausprobieren würde. Auf diese Weise durfte ich mit einem der erstaunlichsten und liebevollsten Menschen arbeiten, die ich je in meinem Leben getroffen habe: Andy!
Andy ist ein gelähmter Mann mit einem Herzen so groß wie der Ozean. Die Arbeit an seiner Seite war alles andere als einfach. Nicht wegen der Aufgaben, die ich hatte, sondern weil ich die Tatsache akzeptieren musste, dass Andy sich nicht mehr bewegen und sich um sich selbst kümmern konnte. Das brach mir das Herz. Jeden Abend weinte ich vor dem Einschlafen und verstand weder das Schicksal noch die Welt. „Warum sollte ein so liebenswerter Mensch ein solches Schicksal erleiden?“
Ziemlich bald merkte ich, dass es bei diesem Job nicht darum ging, Geld zu verdienen, sondern dass er mich daran erinnerte, dass ich aus einem bestimmten Grund hier bin und dass es einen Sinn in meinem täglichen Leben gibt.
Andy und ich wurden bald enge Freunde und er erzählte mir seine Geschichte: Früher war er ein Weltbummler gewesen, hatte als Gymnastiklehrer gearbeitet, verschiedene Sportarten getrieben und war Marathons gelaufen.
„Wenn ich dich ansehe, erinnere ich mich an meine alten Tage“, sagte er mir eines Abends. „Ich war wie du, eine freie Seele, ein Reisender voller Energie, ein Schmetterling! Vor fünfzehn Jahren kam ich mit einem Van – wie deinem – von Adelaide nach Broome, und alles, was ich hatte, waren der Bus und ein paar Kleider. Ich wusste nicht, was ich hier machen sollte, aber das Leben hat sich so entwickelt, wie es sich ergeben musste …“
Er war ein junger energiegeladener Mann gewesen, bis er eines Tages … vor 30 Jahren einen Autounfall hatte. Er war nicht angeschnallt gewesen, das war ins Schleudern gekommen und überschlug sich, die beiden anderen Insassen überlebten unverletzt, Andy überstand den Unfall nur mit viel Glück und landete im Rollstuhl. Heute ist er Besitzer von drei großen Unternehmen in Australien.
Eines Abends, nachdem Andy seine herzzerreißende Geschichte mit mir geteilt hatte, lag ich gerade in der Hängematte in meiner schönen, friedlichen Villa in seinem Resort – Bali Hai – und las ein Buch, als ich meine Füße sah. Ich legte das Buch zur Seite und schaute auf meine Füße genauer an. Es war, als ob ich sie zum ersten Mal in meinem Leben gesehen hätte. Ich bewegte die Beine, stand auf, lief, rannte und sprang hoch und runter: „Oh mein Gott! Ich kann die Füße bewegen, Andy nicht!“, stellte ich fest und begann zu weinen. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich den Wert meiner Füße und meines gesunden Körpers erkannte. Nehmen wir nicht die wichtigsten Dinge in unserem Leben als selbstverständlich hin?
Ich erinnerte mich an meinen eigenen Unfall, den ich nur wenige Wochen bevor ich Andy kennenlernte, erlebt hatte. Genau wie Andy war auch ich nicht angeschnallt gewesen, unser Auto hatte sich ebenfalls überschlagen und ich war in meinem Sitz eingeklemmt gewesen. Mir fiel der Moment ein, als der Unfall kurz bevorstand, und dass ich gewusst hatte, dass alles, was von diesem Moment an passieren würde, außerhalb meiner Kontrolle lag!

Nachdem ich mich an diese Szene erinnert hatte, wusste ich, dass ich Andy nicht zufällig getroffen hatte. Er erinnerte mich daran, dass die Person, die im Rollstuhl saß, ich hätte sein können. Er war ein Zeichen, das mir sagte, ich hatte eine neue Chance bekommen, um mein Leben zum Besseren zu verändern, und dass ich für diese Gelegenheit dankbar sein und das Beste daraus machen musste. Und mir wurde klar, dass ich nicht mehr zurück nach Deutschland gehen musste!
Das Leben kann sich schnell ändern, und ich wusste, dass ich meine Zeit nicht damit verschwenden wollte, etwas zu tun, wofür ich nicht bestimmt war, und irgendwo zu sein, wo ich nicht sein wollte …. Ich hatte keine Ahnung, was ich tun wollte, aber ich wusste, dass ich nicht mehr in das alte Leben zurückkehren wollte.
Und wieder einmal verstand niemand, warum ich das Studium aufgeben wollte, in das ich so viel Zeit und Energie investiert hatte. Das Bestehen der Abschlussprüfung hätte mir Stabilität, Sicherheit und Geld gebracht.
„Du bist verrückt!“, sagten sie. „Du kannst dein Studium nicht aufgeben! Das sind nur noch vier Prüfungen. Denk an all die Vorteile, die dir dieser Job bringen würde. Komm zurück, beende dein Studium, und dann kannst du tun, was du willst.“
Aber meine Seele sehnte sich nach einem höheren Ziel und nach Weisheit, und mein Herz suchte nach Liebe und Freiheit. Sie waren nicht mit irgendwelchen akademischen Abschlüssen zufrieden zu stellen. Und ich wusste, dass ich kein Stück Papier brauchte, um mein Wissen und meine Weisheit irgendjemandem zu beweisen. Das war einfach meine Zeit nicht wert.
Es ist eine lange Reise und eine lange Geschichte mit vielen Höhen und Tiefen. Es gab Momente, in denen ich an meinem Weg gezweifelt und ans Aufgeben gedacht habe. Aber heute bin ich froh, dass ich nicht aufgegeben habe. Für diese Reise hatte ich viel vor, was vollendet wurde. Und ich hatte ein großes Ziel: Ich hatte mir versprochen, dass ich nicht aufhören würde zu reisen, bis ich mich selbst gefunden habe.
Heute (29.April 2017), drei Jahre später, stelle ich fest, dass ich auch mein Ziel erreicht habe. Es war ein langer und harter Weg, aber ich habe es geschafft.
Ich weiß immer noch nicht, wo ich nächsten Monat sein werde. Aber das macht nichts, denn ich weiß, wo auch immer ich seine werde, dort wird es mir gutgehen und das Leben wird sich um mich kümmern.
Wenn ich in den letzten drei Jahren eines gelernt habe, dann war es „Vertrauen“: Das Vertrauen in mir selbst, in meiner inneren Stimme, im Leben im Allgemeinen und darin, dass sich am Ende alles zum Guten wenden wird, auch wenn es im Moment nicht so aussieht. Die schmerzhaftesten Situationen führen uns manchmal zu den schönsten Erfahrungen im Leben.
Wenn du jetzt irgendwo mit gebrochenem Herzen und traurig oder unglücklich mit deinem jetzigen Leben sitzt und diese Zeilen liest, dann ändere etwas, mach Schluss damit und komm da raus, egal was es ist! Nichts auf der Welt ist es wert, dass wir unser Leben damit vergeuden, wenn es nicht unsere Bestimmung ist. Warte nicht darauf, dass jemand kommt und dir an die Hand nimmt. Denn das wird vielleicht nie passieren. Tu es selbst! Frag niemanden, welchen Weg du gehen sollst. Du bist derjenige, der diese Entscheidung treffen sollte. Es ist dein Leben und dessen Karte ist in deinem Herzen verborgen. Es wird nicht leicht sein, aber es ist möglich ….

Ein Ausschnitt aus dem Buch „Das kleine, schwarze Fischlein – ein Tagebuch“, von Sara Sadeghi